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Grätzelzelle

  • Wie funktionieren Grätzelzellen? Eine Grätzelzelle wandelt Lichtenergie mittels organischer Farbstoffe und elektrochemischer Prozesse in elektrischen Strom um. Durch die Absorption von Photonen entstehen Elektronen, die über Titandioxid abgeleitet werden. Diese innovative Technologie nutzt somit das Prinzip der künstlichen Photosynthese für die moderne Photovoltaik.
  • Welche Vorteile bietet die Grätzelzelle? Die Grätzelzelle besticht durch ihre hohe Lichtempfindlichkeit und Kosteneffizienz bei der Herstellung aus umweltfreundlichen Materialien. Da diese Farbstoffsolarzellen auch bei diffusem Licht oder Bewölkung zuverlässig Energie liefern, eignen sie sich hervorragend für flexible Anwendungen sowie für den Einsatz in Innenräumen.
  • Was sind organische Farbstoffsolarzellen? Organische Farbstoffsolarzellen nutzen biologische oder synthetische Pigmente als Lichtabsorber anstelle von klassischem Silizium. Diese Farbstoffe übertragen angeregte Elektronen auf ein Halbleitermaterial wie Titandioxid. Die Grätzelzelle repräsentiert diese Technologiegruppe und ermöglicht transparente sowie biegsame Solarmodule für vielfältige architektonische Lösungen im Gebäudebereich.
  • Wie hoch ist der Wirkungsgrad? Der Wirkungsgrad einer Grätzelzelle liegt derzeit deutlich unter dem Niveau herkömmlicher Siliziumzellen bei etwa elf bis dreizehn Prozent. Trotz der geringeren Effizienz punktet die Farbstoffsolarzelle durch ihr exzellentes Schwachlichtverhalten. Kontinuierliche Forschung optimiert die Leistungsfähigkeit dieser Photovoltaik-Technik für die zukünftige Marktreife.
  • Wo werden Grätzelzellen eingesetzt? Einsatzgebiete finden sich vor allem in der Gebäudeintegration, bei tragbaren Kleingeräten oder als semi-transparente Fensterelemente. Durch die Flexibilität der Farbstoffsolarzellen lassen sich völlig neue Designkonzepte realisieren. Diese Grätzelzellen erweitern somit das Spektrum klassischer Photovoltaikanlagen um ästhetische und funktionale Komponenten im Alltag.

Was ist eine Grätzelzelle? Das bionische Prinzip einfach erklärt

Die Grätzelzelle, in der wissenschaftlichen Literatur als farbstoffsensibilisierte Solarzelle (Dye-Sensitized Solar Cell, DSSC oder DSC) bezeichnet, stellt einen Paradigmenwechsel in der Photovoltaik dar. Erfunden wurde sie von dem Schweizer Chemiker Prof. Michael Grätzel, der nach der Ölkrise 1973 an Alternativen zu fossilen Brennstoffen forschte. Der wissenschaftliche Durchbruch gelang ihm 1991 an der EPFL Lausanne: Gemeinsam mit Brian O’Regan publizierte er im Fachmagazin Nature ein Konzept, das erstmals nanokristalline Titandioxid-Schichten nutzte und die Photovoltaik revolutionierte. Das Verfahren wurde 1992 patentiert.

Das Vorbild Natur: Photosynthese vs. Technik

Die Technologie ist ein klassisches Beispiel für Bionik: Sie imitiert die natürliche Photosynthese von Pflanzen. In einem Pflanzenblatt befinden sich Chloroplasten mit sogenannten Thylakoidmembranen. Dort absorbieren natürliche Pigmente wie Chlorophyll a und b oder Carotinoide das Sonnenlicht. Trifft Licht auf diese Pigmente, werden Elektronen energetisch angeregt und vom Grundzustand auf ein höheres Energieniveau gehoben, um chemische Prozesse in Gang zu setzen. 

Die Grätzelzelle überträgt dieses Prinzip in die Elektrotechnik: Anstelle des pflanzlichen Chlorophylls wird ein künstlicher Farbstoff (Sensibilisator) verwendet. Während in herkömmlichen Silizium-Solarzellen das Halbleitermaterial gleichzeitig das Licht absorbieren und die Ladungsträger transportieren muss, trennt die Grätzelzelle diese Aufgaben konsequent. Der Farbstoff ist rein für die Lichtabsorption (Photoneneinfang) zuständig, während ein Halbleiter (Titandioxid) lediglich als Transportsystem für die Elektronen fungiert. Diese Aufgabentrennung ist der entscheidende Vorteil, der den Einsatz von günstigen, weniger reinen Materialien erlaubt.

MerkmalPhotosynthese (Natur)Grätzelzelle (Technik)
LichtfängerChlorophyllSynthetischer Farbstoff
LeiterOrganische StrukturenTitandioxid (TiO2)
RegenerationWasser (H2O)Elektrolyt (Redox-Paar)
ProduktZucker (chem. Energie)Elektronen (elektr. Energie)

Aufbau und Funktion: So entsteht Strom im „Sandwich“

Der Aufbau einer klassischen Grätzelzelle (n-Typ DSSC) gleicht einem mehrschichtigen Sandwich, dessen Elektroden typischerweise nur 20 bis 40 Mikrometer voneinander entfernt sind.

Schichtaufbau und Materialwissenschaft

  • Trägerschichten (TCO): Als Basis dienen zwei planare Platten aus Glas oder flexiblen Kunststofffolien. Diese werden auf den Innenseiten mit einem transparenten, elektrisch leitfähigen Oxid (TCO) bedampft – meist Indiumzinnoxid (ITO) oder fluordotiertes Zinnoxid (FTO), oft in einer Dicke von ca. 0,5 Mikrometern.
  • Der Halbleiter (Titandioxid): Auf der Arbeitselektrode (Anode) wird eine etwa 10 Mikrometer dicke Schicht aus Titandioxid (TiO2) aufgetragen. Titandioxid, ein ungiftiges Weißpigment, das auch in Zahnpasta vorkommt, ist für sichtbares Licht transparent, da es eine breite Bandlücke von 3,2 eV besitzt (es absorbiert erst im UV-Bereich unter 400 nm). Durch einen Sinterprozess bei Temperaturen um 450 °C bis 500 °C verschmelzen die Partikel zu einem nanoporösen, schwammartigen Netzwerk. Das vergrößert die innere Oberfläche um das 1.000-fache, was essentiell ist, damit genügend Farbstoff anhaften kann.
  • Der Farbstoff: Die TiO2-Oberfläche wird mit einer Monoschicht eines Farbstoffs überzogen. Die Industrie setzt hier meist auf hocheffiziente Ruthenium-Komplexe (wie den Farbstoff N719 oder N3). Alternativ können sogar Brombeer- oder Hibiskustee-Extrakte (Anthocyane) verwendet werden, diese haben jedoch eine geringere Lebensdauer.
  • Der Elektrolyt (Redox-Mediator): Der Zwischenraum wird mit einer Elektrolytlösung gefüllt, klassischerweise einem Iodid/Triiodid-Redoxpaar.
  • Die Gegenelektrode (Kathode): Die zweite Glasplatte wird mit einer wenige Mikrometer dicken Schicht aus Platin oder Graphit beschichtet, die als Katalysator dient.

Der elektrochemische Kreisprozess im Detail

Trifft ein Licht-Photon auf die Zelle, laufen innerhalb von Millisekunden bis Femtosekunden folgende chemische Reaktionen ab: 

 

  1. Anregung: Das Photon wird vom Farbstoffmolekül (Fa) absorbiert. Ein Elektron wird vom höchsten besetzten ins niedrigste unbesetzte Molekülorbital gehoben. Es entsteht ein angeregter Farbstoff.
  2. Injektion: Das Elektron übertritt in weniger als 25 Femtosekunden in das Leitungsband des Titandioxids, da das Energieniveau des angeregten Farbstoffs höher liegt. Zurück bleibt ein oxidiertes, positiv geladenes Farbstoffmolekül.
  3. Stromfluss: Das Elektron diffundiert durch das TiO2 zur Anode, fließt über den externen Stromkreis (und betreibt dort ein elektrisches Gerät) zur Kathode.
  4. Regeneration des Farbstoffs: Um den oxidierten Farbstoff zu neutralisieren, entzieht er dem Elektrolyten ein Elektron. Das Iodid wird dabei zu Triiodid oxidiert.
  5. Regeneration des Elektrolyten: Das entstandene Triiodid wandert zur Kathode (Graphit/Platin). Dort nimmt es die aus dem Stromkreis zurückkehrenden Elektronen auf und wird wieder zu Iodid reduziert. Der Kreislauf beginnt ohne Materialverschleiß von vorn.
Gute Beratung gefunden zur Fotovoltaik. Haben uns eine kleine Anlage mit Speicher bauen lassen.
von Sebastian B. aus Klingenthal

Warum Grätzelzellen heute ein Comeback feiern

Während die Technologie lange Zeit als Nischenprodukt galt, ermöglichen neue Materialentwicklungen heute einen breiten kommerziellen Einsatz. 

 

  • Solid-State-Technologie (Feststoffzellen): Das größte historische Problem der DSSC war der flüssige Elektrolyt, der bei Hitze verdampfen, bei Kälte gefrieren oder auslaufen konnte, was die Langzeitstabilität minderte. Moderne Festkörperzellen (Solid-State DSSC) ersetzen die Flüssigkeit durch feste Lochleitermaterialien (z.B. Polymere oder Kupfer- und Kobalt-basierte Komplexe). Das macht die Module extrem sicher, langlebig und wartungsfrei.
  • Der Indoor-König (Schwachlicht-Verhalten): Grätzelzellen benötigen keine direkte Sonneneinstrahlung. Sie lassen sich exakt auf die Wellenlängen von künstlicher Raumbeleuchtung (LEDs, Leuchtstoffröhren) abstimmen. Bei Raumlicht ab 1 Lux liefern sie herausragende Wirkungsgrade von über 30 %, während klassische Siliziumzellen unter diesen Bedingungen fast keinen Strom erzeugen.
  • Optische Transparenz & Farbauswahl: Organische Farbstoffe erlauben die Fertigung in fast allen Farben – von leuchtendem Rot bis zu dezentem Grau. Da sie zudem halbdurchlässig (semitransparent) gefertigt werden können, eignen sie sich perfekt als tönende, stromerzeugende Fensterverglasung. Studien zeigen, dass bei längerer UV-Einstrahlung im Freien die Transparenz zwar leicht sinken kann, sich die Farbwiedergabe für das menschliche Auge (Color Rendering Index, CRI) im Innenraum jedoch sogar noch verbessert.
  • Temperaturstabilität: Wenn sich Solarmodule auf dem Hausdach im Sommer auf 70 °C erhitzen, verlieren typische Siliziumzellen pro Grad Erwärmung ca. 0,4 bis 0,5 % ihrer Leistung. Die Grätzelzelle hingegen arbeitet bei Temperaturen zwischen -10 °C und 80 °C extrem stabil und zeigt kaum Leistungsabfall bei Hitze.

Vergleich: Grätzelzelle vs. Silizium-Solarzelle

Für eine fundierte Kaufentscheidung müssen Photovoltaik-Technologien anhand harter Fakten verglichen werden: 

 

  • Wirkungsgrad & Kosteneffizienz: Unter Standard-Testbedingungen im direkten Sonnenlicht dominiert monokristallines Silizium den Markt mit Wirkungsgraden von 20 % bis über 26 %. Die Grätzelzelle erreicht im Labor derzeit 12,3 % bis 15 % (bei diffusem Licht bis zu 30 %). Siliziummodule sind bei großflächigen Freiflächenanlagen unschlagbar günstig (teils unter 20 Eurocent pro Wattpeak).
  • Herstellung: Silizium muss bei über 1.400 °C in enorm energieaufwendigen Prozessen (Czochralski- oder Blockgussverfahren) geschmolzen und gesägt werden. Farbstoffzellen können bei unter 500 °C, oder bei Kunststofffolien bei Raumtemperatur, im schnellen und günstigen Roll-to-Roll-Siebdruckverfahren gedruckt werden. Das schwedische Unternehmen Exeger gibt beispielsweise an, alle sechs Sekunden einen Quadratmeter Solarzelle drucken zu können.
  • Ökologische Amortisation: Silizium-Anlagen benötigen in Mitteleuropa etwa 1,5 bis 2,5 Jahre, bis sie die Energie wieder eingespielt haben, die zu ihrer Produktion benötigt wurde (Energy Payback Time). Die Grätzelzelle amortisiert sich aufgrund der ressourcenschonenden Produktion in unter 6 Monaten.
  • Giftigkeit (Toxizität): Im Gegensatz zu Konkurrenz-Dünnschichtzellen wie Cadmiumtellurid (CdTe), das giftige Schwermetalle enthält, oder aufkommenden Perowskit-Solarzellen, die auf Blei basieren und giftige Lösungsmittel wie DMF in der Fertigung benötigen, nutzt die Grätzelzelle völlig ungiftiges Titandioxid und unbedenkliche Kohlenstoffverbindungen.

 

FeatureKlassische PV (Mono/Poly)Grätzelzelle (DSSC)
LichtquelleDirekte Sonne (hochintensiv)Diffuses Licht / Indoor
FlexibilitätStarr (Glas/Alu)Biegsam (Folienbasis)
TemperaturLeistung sinkt bei HitzeStabil bei Hitze
WirkungsgradHoch (ca. 20–24 %)Mittel (ca. 10–14 %)
UmweltbilanzHoher EnergieaufwandMinimale „graue Energie“

Praxis-Check: Wo finden wir Grätzelzellen?

Dank ihrer Flexibilität erschließt die DSSC-Technologie Marktsegmente, die für Siliziumzellen aufgrund ihrer Starrheit und des Gewichts unerreichbar sind: 

 

  • Gebäudeintegrierte Photovoltaik (BIPV): Anstatt Solarzellen nur auf das Dach zu montieren, werden sie zum Baustoff. Prominente Beispiele sind der 60 Meter hohe Science Tower in Graz mit 2.000 m² bunter DSSC-Fassade oder das SwissTech Convention Center an der EPFL in Lausanne.
  • IoT & Smart Home: Das "Ambient Light Harvesting" macht Batterien überflüssig. Hersteller wie Ricoh oder Epishine nutzen Solid-State-Grätzelzellen für Temperatur- und CO2-Sensoren, elektronische Regaletiketten im Supermarkt oder Computermäuse, die sich über die Bürobeleuchtung selbst mit Strom versorgen.
  • Wearables & Konsumgüter: Flexible Grätzel-Materialien (wie die „Powerfoyle“ von Exeger) werden heute bereits in Helme (POC), Kopfhörer (Urbanista) oder Gehörschutz (3M Peltor) integriert. Diese laden sich beim Tragen im Freien oder im Büro kontinuierlich selbst auf. Prognosen gehen davon aus, dass so jährlich über eine Milliarde klimaschädliche Einwegbatterien eingespart werden können.

Fazit: Die Zelle für das „Internet of Energy“

Die Grätzelzelle wird das hochskalierte Silizium-Solarmodul auf dem Hausdach oder im Solarpark nicht verdrängen. Ihre Stärke liegt vielmehr dort, wo Silizium schwächelt: bei schwachem Licht, in Innenräumen, bei hohen Temperaturen und wenn Transparenz, Flexibilität und architektonische Ästhetik gefordert sind. Für Endverbraucher beendet sie künftig den Batteriewechsel in unzähligen Smart-Home-Geräten und revolutioniert als stromerzeugendes Fenster den Bau emissionsfreier Gebäude. Als technologische Brücke legte die Erforschung der Grätzelzelle zudem den architektonischen Grundstein für die heute stark beforschten Perowskit-Solarzellen.

Letzte Aktualisierung: 08.05.2026